Wir kennen die aus nichts anderem als Licht geschaffenen Bilder von James Turell, sie lassen sich nur in ihren dunklen Räumen sehen und erleben. Ein Turell ähnliches Erleben hat man  beim Betrachten der Bilder von Chen Ruo Bing. Sie sind auf Leinwand gemalt, die Farben bestehen aus Pigmenten und sie werden im hellen, ja in beleuchteten Räumen präsentiert. Es ist völlig anders als bei James Turell. Dennoch: Je länger man hinschaut, desto mehr scheint sich die Farbe zu bewegen und auszudehnen, die flache Bildfläche wölbt sich und plötzlich fühlt man sich wie vor einem „Bild“ von James Turell - im immateriellen Lichtraum.

Aber Chen Ruo Bing bleibt da nicht stehen, zur Fläche kommt die Linie, das Bild wird dialektisch. Fläche und Raum auf der einen Seite, Linie und Begrenzung auf der anderen. In der Unbegrenztheit lässt sich nichts erkennen, nur die Linie gibt Orientierung, sie erdet, sie macht das Immaterielle zu einem Ding in der Welt.

Seine Bilder beruhen auf Linie und Fläche. Die Linie ist nicht dazu da, einen Raum zu konstruieren, sie setzt vielmehr der unendlichen, unbestimmten Ausdehnung des Lichts Grenzen, sie definiert einen Raumausschnitt oder einen weiteren Raum innerhalb eines vorhanden Farbraums. Ohne die Linie kein Erkennen, ohne die Linie Unendlichkeit – Chen Ruo Bings Bilder machen uns darauf aufmerksam.

Galerie Albrecht Berlin